Lucas Landenberger

Freizeitbeschäftigung am Tunari

Mollesnejta liegt direkt am Fuße eines Steilhangs, auf etwa 2700m über dem Meer. Dieser Hang bildet die Basis des 5035m hohen Cerro Tunari. Der „Hausberg“ von Cambuyo ist die höchste Erhebung des zentralen Hochlandes von Bolivien.

Seit meiner Ankunft vor gut drei Wochen sprachen wir Praktikanten davon ihn zu besteigen. Nachdem ich mich in Cambuyo gut akklimatisiert fühlte, beschlossen Simon und ich vergangenes Wochenende den Versuch zu wagen. Leider konnte uns Gustavo nicht begleiten, da er für eine Woche an der Uni in La Paz arbeitet. Noemi und Don Martin, der Verwalter von Mollesnejta warnten uns im Voraus jedoch vor misstrauischen Hirten und Bauern, die auf den Hängen zwischen Cambuyo und dem Tunari leben. Scheinbar wurden in der Vergangenheit öfter Leute mit Steinschleudern bedroht. Daher versuchten wir zunächst Roger, den Sohn Don Martins zu überreden uns zu begleiten, da er zumindest Quechua spricht und uns so hätte helfen können zu vermitteln. Leider hatte er jedoch keine Zeit. Auf eine Wanderkarte mussten wir auch verzichten, da es schlicht keine verlässlichen Karten gibt, ebenso wenig wie wirkliche Wege. Uns blieb also nichts anderes übrig als den Berg „auf Sicht“ zu besteigen.

Unser wichtigstes Navigationsmittel, Kompass und das Bieretikett des örtlichen "Taiquina", der Reiseführer sagt zweiter Gipfel von links!
Unser wichtigstes Navigationsmittel – Kompass und das Etikett des örtlichen “Taiquina”, der Reiseführer sagt zweiter Gipfel von links auf dem Bieretikett!

Nachdem wir uns mit Lebensmittel, Isomatten, Spirituskocher und allen verfügbaren Jacken ausgestattet hatten, brachen wir Sonntagmorgen auf. Das Wetter bot schon nach wenigen hundert Höhenmeter beste Sicht auf das Tal von Cochabamba und wir kamen zügig voran. Die Warnungen vor den örtlichen Bauern am Tunari beunruhigten mich durchaus, aber obwohl wir einige Hirten sahen, schafften wir es ganz gut ihnen aus dem Weg zu gehen. So kamen wir schon recht bald bis an auf ca.  4000m Höhe und fanden einen einigermaßen geschützten Platz um zu übernachten. Vor dem Abendessen mussten wir jedoch, um Wasser zu besorgen, noch ins Nachbartal wandern, da der Bach in unserem Tal  bereits ausgetrocknet war. Dafür diente uns das Bachbett nun tatsächlich als Bett. Geschützt vor dem Wind errichteten wir, mit den in dieser Höhe noch wachsenden Horstgräsern als Untergrund, ein ziemlich gemütliches Nachtlager.

Unser (Fluss)bett
Unser (Fluss)bett

Als es dunkel wurde begann die Großstadt Cochabamba unter uns zu leuchten, zusätzlich war bis zu uns auf 4000m Höhe Discomusik zu hören was im krassen Gegensatz zu unserer Abgeschiedenheit stand. Immerhin lebten etwas unterhalb unserer Übernachtungsstelle Menschen welche meist noch nicht einmal Spanisch sprechen und deren Alltag sich in den letzten hundert Jahren vermutlich nicht allzu sehr verändert hat. Es war mal wieder ein eindrückliches Beispiel für die in jeder Hinsicht krassen Gegensätze in Bolivien

In der Nacht unter freiem Himmel bekamen wir dann doch zu spüren, dass unsere Schlafsäcke eher für den Sommer gedacht sind. Mit Hilfe allerlei Jacken überstanden wir die Nacht jedoch ganz gut, auch wenn wir nicht viel Schlaf bekamen. Das gefrorene Wasser in unseren Flaschen zeigte uns, dass die Temperatur deutlich unter null gesunken war, als  wir um vier Uhr früh aufstanden und im Dunkeln in die Richtung los stapften, in der wir einen Grad vermuteten, welcher uns zum Gipfel führen sollten. Inzwischen machte sich die Höhe deutlich bemerkbar, das Gehen wurde selbst im Schneckentempo unfassbar anstrengend. Bei einem ziemlich eindrücklichen Sonnenaufgang erreichten wir den Grad, mussten aber feststellen, dass der Weg über den Grad nicht begehbar war. Außerdem wurde nun endgültig offensichtlich, dass der Tunari von der Südseite nicht zu besteigen sein würde. Mehrere hundert Meter hohe Felswände trennten uns vom Gipfel. Da wir wussten, dass es von der Nordseite her eine Möglichkeit geben musste, beschlossen wir den Gipfel im Westen zu umrunden. Dazu mussten wir jedoch die Schlucht, welche uns vom Gipfel trennte durchsteigen, was einen ziemlich anspruchsvollen Abstieg durch eine Geröllhalde mit riesigen Felsblöcken bedeutete. Schließlich kamen wir jedoch heil unten an. Anschließend machten wir uns durch eine Geröllhalde auf, zum Fuß der Felswand, unterhalb derer wir hofften den Gipfel umrunden zu können.

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang
Tunarigipfel am Morgen, am linken Bildrand, wo der Schnee beginnt, endete unsere Tour
Tunarigipfel am Morgen, am linken Bildrand, wo der Schnee beginnt, endete unsere Tour

Auf Grund der Höhe und der steilen Halde, welche wir teilweise auf allen Vieren durchstiegen, schafften wir nur noch wenige Schritte am Stück, bevor wir uns ausruhen mussten. Unterhalb der Felswand fanden wir zum einen den unglaublichen Blick (vermutlich bis zum Illimani bei La Paz) zum anderen aber auch die Erkenntnis, dass dies die Endstation unserer Tour sein würde, da vor uns nur noch eine Felswand lag, die es uns unmöglich machte den Berg zu umrunden.

Ausblick vom höchsten Punkt unserer Tour, im Hintergrund der
Ausblick vom höchsten Punkt unserer Tour

Wir schätzten uns auf bereits über 4500m und so kurz vor dem Ziel war es natürlich enttäuschend aufgeben zu müssen. Also machten wir uns an die gut 1800hm Abstieg durch unwegsames Gelände. Schon nach kurzer Zeit begann mein Magen zu rebellieren und bald fing auch mein Kreislauf an schwach zu werden. Irgendeinen Erreger musste ich wohl schon mit mir herum getragen haben und aufgrund der Anstrengung der Wanderung und der Höhe kam er nun zum Ausbruch. Mein Zustand wurde schnell schlechter und ich hatte trotz häufiger Pausen immer mehr zu kämpfen überhaupt noch weiter zu gehen. Das Wissen, dass noch über 1000hm vor mir lagen half auch nicht gerade. Irgendwann musste ich mich einfach hinlegen, so erschöpft war ich. Nach einer Stunde schaffte Simon es mich zum Weitergehen zu überreden. Außerdem übernahm er einen guten Teil des Inhalts meines Rucksacks und so arbeiteten wir uns  Stück für Stück nach unten. Irgendwann kam ich in eine Art Trancezustand, was es zwar etwas erträglicher machte, aber dafür begann ich bedenklich an zu schwanken. Simon hielt sich zum Glück tapfer und so kamen wir kurz vor der Dunkelheit in Mollesnejta an.

Ich kann ernsthaft behaupten noch nie so schwach und erschöpft gewesen zu sein. Die folgenden 24 Stunden verbrachte ich damit zu schlafen und den Inhalt meines Magens auf der Wiese vor der Zimmertür zu verteilen. Inzwischen bin ich wieder einigermaßen auf den Beinen und da ich noch nicht wieder körperlich arbeiten kann, habe ich nun Zeit diesen Blogeintrag zu schreiben. Simon hat bereits begonnen, in einer Parzelle mit Pinus radiata, einer schnellwachsenden Plantagenbaumart, die Stämme zu asten, um wertvolles Bauholz zu produzieren. Ich hoffe, ihm ab morgen wieder helfen zu können. Trotz des Abstiegs war es eine absolut eindrucksvolle Tour und wer ernsthaft an seiner Figur arbeiten möchte, dem empfehle ich einen Magen-Darm-Infekt auf 4500m Höhe zu tragen.

 

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