Lea Dehning

Angekommen

Hallo, ich bin Lea und arbeite seit ca. 4 Wochen im Agroforst-Versuchsbetrieb Mollesnejta in der Nähe von Cochabamba. In Mollesnejta werden in 35 verschiedenen Versuchsparzellen auf 16ha die besten Kombinationsmöglichkeiten für die praktische Umsetzung des Agroforstprinzips im Tal Cochabambas erprobt. Wie auch die zwei vorherigen Praktikanten Simon und Lukas komme ich aus Freiburg und studiere dort im momentan fünften Semester Umweltnaturwissenschaften sowie Naturschutz und Landschaftspflege. Ich habe im Jahr 2011/2012 schon einmal während meines freiwilligen sozialen Jahres in Cochabamba gelebt. Es fühlt sich sehr vertraut an wieder hier zu sein, auch wenn sich mein Alltag jetzt ganz anders gestaltet.

Agroforstwirtschaft ist eine Landnutzungsform, bei der landwirtschaftliche Nutzpflanzen in Kombination mit Holzpflanzen wie Bäumen und Sträuchern angebaut werden. Sie bietet die Möglichkeit in strukturreichen Polykulturen ohne den Einsatz von Pestiziden gewinnbringend zu wirtschaften und gleichzeitig die Biodiversität zu erhalten Die Wechselwirkungen zwischen Werthölzern, Obstbäumen, Sträuchern und Kulturen wie Gemüse oder Getreide beeinflussen die gesamte Anbaufläche positiv. Die Bäume beschatten die restlichen Kulturen, so dass diese vor zu starker Sonneneinstrahlung und Austrocknung geschützt werden. Aber auch Wind- und Erosionsschutz, die Erschließung tiefer gelegener Nährstoffe sowie die Anreicherung von Humus sind wichtige Aufgaben, die die Bäume in einem Agroforstsystem übernehmen.

Der Betrieb liegt am Rande des Parque Nacional Tunaris (Nationalpark Tunari, einer von 13 Nationalparks Boliviens) auf 2.800m oberhalb der Communidad Combuyo. De facto gehört das 16ha große Grundstück zum Park dazu, da die Besitzansprüche schon älter sind, als die Ausschreibung des Parkes.Der Park wurde 1961 als Schutzgebiet ausgewiesen, um der Rodung und dem Abbrennen von Grasflächen entgegen zu wirken, leider ohne großen Erfolg. Da lange Zeit in den Dörfern der Umgebung noch mit Brennholz geheizt wurden und der Park erst seit 1983 offiziell Nationalpark ist, ist von den ursprünglich bewaldeten Bergen kaum etwas übrig geblieben. 1996 fand eine Erweiterung des Parkes statt. Wenn ich jetzt die Berge hinter unserem PraktikantInnenhaus anschaue, sehe ich nur noch ein paar vereinzelte Bäume auf den sonst nackten Hängen. Durch die fehlende Vegetationsdecke ist die Erosion an den Hängen sehr extrem. Schlammlawinen und Überschwemmungen, sowie Bodendegradation sind die schwerwiegenden Folgen.

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Ch’akateastrauch vor kahlem Berg

Starke Bodendegradation, dass bedeutet ein erodierter Boden, der an Nährstoffen verarmt ist, also seine Funktion als Boden nicht mehr erfüllen kann, und erheblichen Trockenheitsproblemen durch das semiaride Klima (durch eine nur 3-monatige Regenzeit) limitieren die Nutzung des Bodens hier in Mollesnejta sehr. Trotz dieser erschwerten Ausgangsbedingungen ist Mollesnejta die grüne Oase Combuyos, wenn mensch so die Nachbargrundstücke betrachtet. Hier hat sich seit 2001, seitdem das Gelände per Agroforstmethode bewirtschaftet wird, einiges getan und der Boden hat sich durch den diversen Anbau (hier wachsen ca. 400 verschiedene Pflanzenarten), gerade auch durch den Anbau von heimischen Pflanzen, verbessert. Wie die meisten Naturereignisse dauert leider auch die Bodenbildung bzw. die Bodenrekuperation hunderte von Jahren. 1cm Boden braucht 100 Jahre um sich zu bilden. Projekt wie Mollesnejta, die Stück für Stück versuchen den Boden wieder aufzubauen durch Biomasse (Org. material, der hier wachsenden Pflanzen), die meistens an Ort und Stelle verbleibt, damit die Nährstoffe des org. Material wieder zurück in den Boden gelangen, sollte es überall auf der Welt geben. Laut eines Berichtes aus „Le Monde Diplomatique“ sind weltweit mehr als 50% aller Kulturböden, das heißt um die 1964 Millarden Hektar Kulturboden von leichter bis schwerer Degradation betroffen, dagegen erscheinen unserer 16ha wie ein kleiner Hauch von nichts. Aber dieser kleine Hauch von nichts ist ein großer Schritt hin zu einem nachhaltigen ertragreichen Wirtschaften weltweit.

Dass Agroforstsysteme umweltfreundliche Anbausysteme sind, da sie die Diversität der Natur nachahmen und den Boden mit Nährstoffen bereichern anstatt ich auszulaugen, war mir schon vor meiner Ankunft in Mollesnejta bewusst, da ich in der Uni schon die ein oder andere Vorlesung über Agroforst besucht habe. Dass es jedoch jede Menge körperliche Kraft und einen großes Willen benötigt diese umzusetzen, ist mir erst in meinen letzten 3 Wochen hier bewusst geworden. Der Boden hier ist sehr steinig durch die Hanglange, dass bedeutet um den Boden urbar zu machen, müssen Unmengen von Steinen per Spitzhacke aus dem Boden geholt werden. Um den Boden nicht weiter zu verdichten, verzichten wir hier auf den Einsatz eines Traktors. Zum Glück kommt diese Woche ein Bauer aus Combuyo, der uns mit seinen Bullen und einem Pflug hilft, damit wir zum Anfang der Regenzeit auf einem Stück des Geländes Mais aussähen können. Ein Stück haben wir schon letzte Woche per Hand umgegraben. Die restlichen Bereiche, die per Pflug umgegraben werden sollen haben wir von den unzähligen Steinen entfernt. Das hat uns zu viert ca. 3 Tage und ca. 50 gefüllte Schubkarren gekostet.

Nachher_2006
Mollesnejta heute
Vorher_2000
Mollesnejta 2001

 

 

 

Die Sonne hier ist durch die Höhenlage sehr intensiv, was die Arbeit noch anstrengender macht. Wenn wir arbeiten, dann nur mit langer Kleidung, einem großen Hut mit Nackenschutz, festen Schuhen und ausreichend Wasser in der Nähe.

In den letzten Wochen habe ich, zusammen mit meinen zwei Mitbewohnern Gustavo, aus El Alto, einer Stadt ca. 8 Stunden von Cochabamba entfernt, der hier ein Jahrespraktikum inklusive Bachelorarbeit absolviert, und Robin, ein Woofer (WOOF= Work on organic farms) aus St. Etienne in Frankreich, neben dem Bodenumgraben noch in vielen anderen Bereichen des Geländes gearbeitet. Zu unseren Aufgaben gehörte z.B. das Transportieren von bereits einem Monat vorher geschnittenem Ch’akatea (Dodonaea viscosa), einem heimischen, immergrünen Strauch, der sehr schnell wieder austreibt, um Schutzwälle um die vorhandenen Parzellen zu bauen. Diese dienen zum Schutz der 4 Jungbullen, die seit ca. einem halben Jahr hier leben. Mollesnejta wurde durch ein neues Gesetz der INRA (Instituto Nacional de Reforma Agraria = nationales Institut für die Agrarreform) dazu bewegt wurde pro 5ha Land jeweils einen Bullen bzw. eine Kuh zu halten, um rechtlich als landwirtschaftlicher Betreib anerkannt zu werden. Die Bullen unterscheiden leider nicht zwischen Grashalm und einem neu gepflanzten Bäumchen oder einer hier viel gepflanzten Tuna (Opuntia ficus-indica). Das erschwert die Arbeit hier um einiges, da die Haltung der Bullen sehr zeitintensiv (morgens und abends die Fütterung, sowie die Tiere zum Weiden auf das Gelände bringen, Stallsäuberung) sowie kostenintensiv (Futter, Schäden an jungen Bäumen und Sträuchern sowie an Tuna) ist.

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Transport von bereits einem Monat zuvor geschnittener Ch’akatea (Robin links, Gustavo rechts)
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durch den Fraß der Bullen abgestorbene Tuna
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bis auf die schwarzen Flecken (Manchas negras, Pilzkrankheit) gesunde Tuna

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch pflanzten wir kleine Ch’akateapflänzchen (natürliche Reproduktion, der bereits in großen Mengen vorhandenen Sträuchern auf dem Gelände) um, um sie weiter auf dem Gelände zu verbreiten. Als heimische Pflanze vermindert sie z.B. den Insektenbefall der Maiskulturen, schützt vor Hangerosion und produziert durch das schnelle Austreiben viel organisches Material, das wir an anderen Stellen zur Bodenverbesserung einsetzen.

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Gustavo mit einer jungen Ch’akatea

 

Neben Ch’akatea vergruben wir die Samen der Tipa (Tipuana tipu), eine weitere heimische Pflanze. Tipa als Leguminose (Hülsenfrüchtler) reichert Stickstoff im Boden an, da ihre Wurzelknöllchen eine Symbiose mit stickstofffixierenden Bakterien eingehen (wie die meisten Leguminosen). So steigert sie die Bodenfruchtbarkeit. Leguminosen sollten in jeder Parzellenkombination in einem Agroforstsystem vorkommen, um die Fruchtbarkeit zu steigern.

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Tipa in voller Blüte

Ein weiterer heimischer Baum, der in meinem ersten Bericht aus Mollesnejta nicht fehlen darf, ist der Mollebaum (Schinus molle), der Namensgeber des Betriebes. Denn Mollesnejta ist Quechua und bedeutet übersetzt der Ort, an dem die Mollebäume wachsen. Der peruanische Pfefferbaum, wie sein deutscher Trivialname lautet, war bis auf ein paar alte Pfirsichbäume, der einzige Baum, der 2001 auf dem „Steinacker“ wuchs, auf dem Noemi Stadler-Kaulich, die Gründerin des Agroforstbetriebes, zusammen mit verschiedenen Menschen heute so viele verschiedene Pflanzenarten kultiviert hat.

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der Mollebaum

Viele heimische Arten der Region (so Ch’akatea, Tipa und Molle) sind Xerophyten, Pflanzen, die an extrem trockene Standorte angepasst sind, da hier ein semiarides Klima herrscht. Semiarid bedeutet, dass bis auf die dreimonatige Regenzeit die Pflanzen einer extremen Trockenheit ausgesetzt sind. Unter diesen Umständen bietet Agroforstwirtschaft mit vielen heimischen Pflanzen eine optimale Möglichkeit Landwirtschaft zu betreiben und so die Gefahren von Desertifikation und Trockenheitsproblemen zu vermindern.

Desweiteren habe ich bisher gelernt verschiedene Bäume in Sträucher zurückzuschneiden, dazu gehörten bisher der heimische Jacaranda (Jacaranda mimosifolia; mein Lieblingsbaum, da er überall in den Straßen Cochabambas zu finden ist), Pfirsichbäume, Citrusbäum uvm.

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Jacandara
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Pfirsichblüte

Eine weitere Aufgabe, die wir PraktikantInnen diesen Monat übernehmen durften, da Noemis größter Helfer und einziger Festangestellter Don Martin gerade im Urlaub ist, war die Fütterung der Bullen sowie diese anschließend zum Weiden zu führen. Aus anfänglicher Skepsis meinerseits ist inzwischen eine große Zuneigung geworden. Ich habe alle in mein Herz geschlossen und weiß auch nun ungefähr wie ich die Bullen dazu bringen mir hinterherzulaufen und nicht an den Tunas rumzuknabbern.

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Ich mit dem zumindestens körperlich kleinsten Bullen names Mingo

Soweit erstmal meine Erfahrungen nach 4 Wochen Leben in Mollesnejta, bald kommt mehr.

Drei schöne Alltagsfotos zum Schluss:

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Mittagspause in der Hängematte
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Robin, Gustavo und ich vor der Reinigung unseres Kompostklos
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unsere von mir gefürchteten Mitbewohner, die sich so manches Mal auch in unsere Zimmer verirren

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